medizinisches Marihuana – der Markt Cannabis boomt

Medizinisches Marihuana wird in immer mehr Ländern legalisiert. Die Branche ist stark in Bewegung. Erst vor kurzem hat das kanadische Unternehmen Tilray die Genehmigung von der DEA erhalten, ein Cannabinoid-Studienmedikament für klinische Tests in die USA exportieren zu dürfen. Infolge dessen stiegen die TLRY-Aktien von rund $120 auf fast $300 und erreichten ein Volumen von 15 Milliarden Dollar. Eine Bedrohung für die Pharmaindustrie?

Marktentwicklung für medizinisches Marihuana

Cannabis zählt mit zu den ältesten dokumentierten Heilpflanzen der Geschichte. In chinesischen Heilbüchern über Botanik wurden erste Aufzeichnungen über die Anwendung gefunden. Uruguay war das erste Land, welches im Jahr 2001 den Marihuana-Konsum vollständig legalisierte. Seit Mitte 2018 ist auch in Kanada der Freizeitkonsum von Cannabis erlaubt. Auch in Südafrika ist Marihuana seit September 2018 für den Privatgebrauch legal. In den USA entscheiden die jeweiligen Bundesstaaten. Sieben Staaten und die Hauptstadt Washington haben Marihuana bereits komplett legalisiert. In weiteren 30 Bundesstaaten kann es für medizinische Zwecke erworben werden.

In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern ist seit März 2017 der medizinische Cannabis erstmals verschreibungsfähig. Auf Grund dieser Bewegungen trauen Marktforscher allein dem Sektor USA von 2016 bis 2021 ein Anstieg der jährlich erbrachten Wirtschaftsleistung von zwölf Milliarden auf 40 Milliarden Dollar zu. Entsprechend dieser Entwicklungen legte der Global Cannabis Stock Index von Ende Oktober 2017 bis zum 3. Januar 2018 um 217 Prozent zu. Anschließend rauschte er wieder um rund 40 Prozent nach unten. Ähnlich wilde Kursausschläge sind auch in der Bitcoin-Welt zu beobachten.

Medizinisches Marihuana in Deutschland

Mittlerweile ist es Ärztinnen und Ärzten jeder Fachrichtung erlaubt, Cannabisblüten und Extrakte aus Cannabis mittels Betäubungsmittel-(BtM-)Rezept zu verordnen. Auch alle anderen bisher verschreibungsfähigen Cannabis-basierten Medikamente können weiterhin unverändert verordnet werden.

An WEN darf medizinisches Marihuana verordnet werden?

Gesetzlich wurde darauf verzichtet, einzelne Indikationen aufzuführen. Laut Gesetz können daher für jede Indikation Cannabisblüten und –extrakte verschrieben werden, wenn „eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard medizinisches Marihuana, trockenentsprechende Leistung im Einzelfall nicht zur Verfügung steht“oder wenn diese Leistung „im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann“ (§ 31 (6) SGB V). Einfach erklärt bedeutet das: Eine Behandlung mit Cannabis kann auch dann verordnet werden, wenn theoretisch noch weitere, bis jetzt nicht eingesetzte bzw. zugelassene Behandlungen zur Verfügung stehen und der Patient noch nicht „austherapiert“ ist.

Bei welchen Erkrankungen ist Marihuana wirksam?

Bis heute ist unbekannt bei welchen Erkrankungen bzw. Symptomen medizinischer Marihuana indiziert ist. Allerdings wurden zwischen den Jahren 2007 und 2016 Patienten mit mehr als 50 verschiedenen Erkrankungen mit medizinischem Marihuana behandelt. Das wurde durch eine Ausnahmeerlaubnis des BfArM ermöglicht. Da auch im Gesetz keine klaren Indikationen definiert sind, nimmt man an, dass medizinisches Cannabis ein breites Wirkungsspektrum besitzt.

Etablierte Indikationen für Cannabis-basierte Medikamente:

  • Chronische Schmerzen
  • Neuropathische Schmerzen
  • Spastik bei Multiple Sklerose (MS)
  • Erbrechen und Übelkeit
  • Appetitlosigkeit

Positive Wirkungen sind bei folgenden Erkrankungen/Symptomen beobachtbar:

  • Neurologisch (Schmerzen, Spastik, Bewegungsstörungen, etc.)
  • Ophthalmologisch (Glaukom)
  • Internistisch (Arthritis, Colitis ulzerosa, etc.)
  • Psychiatrisch (Depression, Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung, etc.)

Wie kann medizinisches Marihuana eingenommen werden und wie wirkt es?

  • Inhalation (durch Rauchen oder Verdampfen mittels Vaporisator): Vorteil beim Verdampfen ist, dass es nicht zum Einatmen von potenziell schädigenden verbrannten Pflanzenmaterialien kommt.
  • Orale Einnahme
  • Inhalation oder Verdampfung: Wirkeintritt innerhalb weniger Sekunden bis Minuten, Max. Wirkstärke nach ca. 20 Minuten, Wirkdauer liegt bei knapp 2-3 Stunden
  • Orale Einnahme: Wirkeintritt nach 20-30 Minuten, Max. Wirkstärke nach 2-4 Stunden, Wirkdauer liegt bei ca. 4-8 Stunden

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Akute Nebenwirkungen beeinflussen die Psyche und Psychomotorik:

  • Angst
  • Müdigkeit
  • Euphorie
  • Reduzierte psychomotorische Leistungsfähigkeit

Nebenwirkungen für Herzkreislauf:

  • Erhöhte Herzfrequenz (Tachykardie)
  • Blutdruckabfall (Hypotonie)
  • Schwindel
  • Synkope (kurzeitige Bewusstlosigkeit)

 Wann ist medizinisches Marihuana nicht zu verordnen?

Liegt beim Patienten eine schwere Persönlichkeitsstörung, Psychose und/oder schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung vor, ist Cannabis kontraindiziert. Auch Schwangeren oder stillenden Müttern ist Cannabis nicht zu verordnet. Wegen der fehlenden Evidenz sollte die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sorgfältig abgewogen werden. Auch bei älteren Patienten ist Vorsicht angebracht, da hier die Nebenwirkungen im zentralnervösen und kardiovaskulären Bereich verstärkt sein können.

Wie hoch ist das Risiko abhängig zu werden?

Bis jetzt sind keine Fälle bekannt, bei der es nach einer ärztlich überwachten Therapie zu einer Abhängigkeit gekommen ist. Lediglich bei abrupten Behandlungsabbrüchen kann eine geringe bis mäßig ausgeprägte Entzugssymptomatik auftreten.

Wann übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Behandlungskosten?

Damit die gesetzliche Krankenkasse die Behandlungskosten übernimmt, ist vor Therapiebeginn ein Antrag zu stellen und die Genehmigung der Krankenkasse erforderlich. Gesetzlich ist es allerdings so geregelt, dass die gesetzliche Krankenkasse „nur in begründeten Ausnahmefällen“ einen Antrag ablehnen darf. Die Anträge sind auch bei Einschaltung des medizinischen Dienstes der Krankenkassen innerhalb von 3-5 Wochen zu bearbeiten. Erfolgt die ärztliche Verordnung auf Grund einer ambulanten Palliativbehandlung (nach § 37b SGB V), beträgt die Genehmigungsfrist 3 Tage. Verordnungen mittels Privatrezept können sofort und für jede Indikation, unabhängig von einer Genehmigung durch die Krankenkasse, erfolgen.

 

Ausblick für die Entwicklung von medizinischen Marihuana

In Deutschland soll zukünftig auch ein staatlich kontrollierter Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke möglich sein. Verantwortlich für die Umsetzung ist das BfArM. Bis dahin soll die Versorgung mit Medizinalcannabis jedoch über Importe gedeckt werden.

Florian Croseck
M.A. Prävention & Gesundheitsmanagement Dez.19; B.Sc. Pflege- und Gesundheitswissenschaften; Examinierter Gesundheit- und Krankenpfleger; Pflegeberater nach § 7a SGB XI; Derzeit: stellv. PDL in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung

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