Diagnose Demenz – Angehörige und Pflegekräfte an der Grenze

Anfänglich ist es vielleicht nur eine häufige Vergesslichkeit. Dann verliert der Betroffen immer mehr Fähigkeiten, die zum Beispiel eine gewisse Feinmotorik benötigen. Solche Erscheinungen sind sicherlich oftmals dem Alter des Betroffenen zuzuschieben, jedoch kann dahinter auch eine sehr frustrierende und schockierende Diagnose stehen. Die Demenz ist zur Volkskrankheit avanciert. Ca 1,7 Millionen Menschen leiden an ihr in Deutschland. Und hinter den Menschen stehen dann auch in der Regel 3-4 direkte Angehörige (statistischer Mittelwert), also ergibt es eine Anzahl von ungefähr 6 Millionen indirekt oder direkt Betroffene dieser Erkrankung.

Tabuthema Demenz

Scham, Peinlichkeit oder sogar Intoleranz haben das Thema jahrelang zu einem Tabuthema gemacht. Doch im letzten Jahrzehnt hat die Diagnose Demenz seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Leider jedoch nicht nur wegen steigender Sensibilität für das Thema oder wissenschaftlichem Interesse. Hauptsächlich ist die steigende Anzahl an Suchanfragen zum Thema Demenz auf die steigende Anzahl der Erkrankten zurückzuführen. Auch die offensichtlichen Mängel in der Versorgung von Menschen mit Demenz oder überforderte Angehörigen haben die wachsenden Zahlen bei den Suchanfragen zu verantwortlichen. Der Kinofilm „Honig im Kopf“ (2014) ist sicherlich zur Unterhaltung sehr ansehnlich, jedoch verherrlicht er das Thema Demenz schamlos. Ein Schritt zurück in der Platzierung der Demenz im Zentrum unserer Gesellschaft. Wer den Film nicht kennt, für den möchte ich kurz eine geistige Skizze erstellen:

Ein süßer Opa fährt/flieht mit dem Zug nach Italien. Das ganze macht er mit seiner Enkeltochter. Grund dafür sind komödiantische Fehltritte, des an Alzheimer erkrankten Opas. Die Ehe seines Sohnes droht an der Krankheit zu zerbrechen, weil er Schuhe im Kühlschrank parkt, eine Gartenparty crasht oder einen kleinen Brand in der Küche auslöst.

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Das sind sicherlich keine schönen und wünschenswerten Ereignisse, jedoch passiert das ganze unter dem Schirm, von sehr wohlhabenden Familienverhältnissen. Die Realität sieht anders. Kaum noch jemand in Deutschland kann zu Hause bleiben um seine Eltern/Schwiegereltern/Geschwister/ etc. zu pflegen und zu behüten. Davon abgesehen hat die Demenz ein viel hässlicheres Gesicht. Aber die Wahrheit zu zeigen, das trauen sich weder die Barefoot Films GmbH noch Hollywood.

Das wahre Gesicht der Demenz

Die folgenden Ausführen können für Laien durchaus erschütternd und beängstigend sein. Leser unter 18 Jahren sollten diesen Abschnitt nur im Beisein der Eltern lesen. Die folgenden Ausführen stammen aus tatsächlichen Situationen aus verschiedenen Krankenhäusern und beruhen auf Erfahrungen der Autoren.

Aggressivität, Stuhlgang im ganzen Zimmer, das Verschlucken von Stuhlgang, ungewollte Blutverluste durch gezogene intravenöse Zugänge, Fixierung auf Grund der Verwirrtheit und Untersuchungen die durch die Demenz unmöglich sind. Das ist der hässliche Alltag von Patienten mit Demenz. Sicherlich gibt es auch Momente in den denen man mit dieser Patientengruppe lachen kann und es einfach eine gewisse Komik in dem Moment gibt, aber das sind die weitaus selteneren Momente.

Sicherlich ist der Anblick einen geliebten Menschen seine eigenen Exkremente essen zu sehen ein fürchterlicher und sich ein ins Gedächtnis brennender Eindruck, aber wie sehr muss den Patienten selber kränken, wenn er sich noch selbst wahrnehmen könnte. Wenn er noch vernunftbegabt wäre und dann mitbekommen müsste, dass er im Moment seinen eigenen Stuhlgang in den Mund steckt und die Haare damit beschmiert. Ein unvorstellbare Gedanke. Die Menschenwürde, die in Deutschland einen so hohen Stellenwert hat, ist in Momenten wie diesen einfach nicht mehr gegeben. Ich möchte an dieser Stelle kein Befürworter der aktiven Sterbehilfe, oder des assistierten Suizids werden, aber eine solche Situation mit eigenen Augen gesehen zu haben, eröffnet automatisch solche Überlegungen. Die Diagnose Demenz ist ein Schlag ins Gesicht für Betroffene und Angehörige. Die eigene Würde verlieren oder gar die eigene Gesundheit gefährden, ohne es bewusst wahr zu nehmen ist einfach grauenhaft. Zudem kommt auch nicht selten eine Fremdgefährdung dazu. Zum Beispiel durch einen Herd, der das Brennen anfängt oder Phasen in denen Aggressivität und körperliche Gewalt an die Oberfläche menschlichen Handelns gelangen.

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Neben den, ich weiß kein anderes Wort dafür als Erniedrigung, also neben den Erniedrigungen, die Betroffene durch die eigenen Hände erfahren, kommt es natürlich auch zu Einwirkungen durch die Außenwelt.

Auswirkungen der Demenz auf die Entscheidungsfähigkeit

Bevormundung durch einen Betreuer oder Angehörige ist sicherlich von Natur aus nicht negativ, jedoch gibt man seine Selbstbestimmung damit aus der Hand, oder sie wird einem durch eine Betreuung aus der Hand genommen. Im besten Fall, muss darauf jedoch nicht zurückgegriffen werden. Aber wenn es zur Notwendigkeit kommt, dass ein Patient ins Krankenhaus eingeliefert wird und dort Untersuchungen und Behandlung die Zustimmung benötigen, wird aus der rechtliche Formalität, eine handfeste Situation in der über Leben und Tod entschieden werden kann. Also je nach Situation und Krankheitsbild.

Neben der Abgabe der Entscheidungsfähigkeit im rechtlichen Sinne, kommen auch andere, teils körperliche Eingriffe, in dem Rahmen des Möglichen. Kurzfristige Fixierungen durch eine Pflegekraft oder Arzt (also klassisch: das Festhalten) werden oft unbedacht eingesetzt, um zum Beispiel eine Blutentnahme durchführen zu können. Dabei wird die Autonomie des Patienten mit Füßen getreten, könnte man meinen. Aber hat ein Mensch der in einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz ist, überhaupt noch die Fähigkeit autonom zu entscheiden. Autonomie setzt eigentlich Vernunft voraus. Aber die Vernunft hat leider schon vor langer Zeit die Biege gemacht. Ich will mit diesen Ausführen nicht den Zwang legitimieren, welcher tagtäglich im Krankenhaus gegenüber dementiellen Patienten ausgeführt wird. Aber es Bedarf einer sachlichen Diskussion, wann ein solches Handeln ethisch vertretbar ist und wie sich auch unser Rechtssystem dazu verhält.

Info: Die Fixierung von Patienten wurde erst neu geregelt. Zum Artikel.

 

Die Schilderungen entsprechen natürlich nicht dem Standard, jedoch sind dies Erfahrungen die leider in ihrer Häufigkeit eine Erwähnung erforderlich machen. Nur durch das Aufbrechen von Grenzen und die damit verbundene Offenheit, können wir die Probleme klar benennen und bekämpfen. Es ist schlichtweg eindeutig, dass die Versorgung von Demenz-kranken Menschen in Deutschland nicht optimal geregelt ist. Vor allem im Krankenhaus kommt es leider immer wieder zu Situationen, die moralische, ethische und medizinische Grenzen überschreiten. Außerdem stellen dememz-kranke Menschen im Krankenhaus eine zusätzliche Belastung für Pflegekräfte dar, die bei der Personalplanung nicht berücksichtigt wird. Somit ist die Diagnose Demenz für alle beteiligten eine Diagnose, die uns sehr nah an unsere Grenzen bringt und darüber hinaus. Es gilt in der Gesellschaft und der Politik dafür Lösungen zu finden. Und zwar schnell, denn die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland nimmt stetig zu.

 

Oliver Weymannhttps://carewelt.de/
B.A. Pflegepädagogik Abschluss 2021; Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger

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