Kindesentwicklung abhängig von senso- und sportmotorischen Erfahrungen

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„Früher war alles besser.“ – Ein Spruch den man heutzutage häufig zu Ohren bekommt. Aber abgesehen davon früher und heute wertend zu vergleichen, kann man beobachten, dass sich die Zeiten verändert haben. Die Gesellschaft ist immer neuen Herausforderungen ausgesetzt. Dies hat auch Konsequenzen für die senso- und psychomotorische Kindesentwicklung. Diese ist nämlich neben angeborenen Reaktionen auch von äußeren Faktoren abhängig. Um die Auswirkungen der externen Faktoren auf das Individuum zu verstehen, ist es notwendig die Entwicklung des Menschen zu kennen.

Sensomotorische Kindesentwicklung im 1. Lebensjahr

Die sensomotorische Entwicklung ist der Zusammenhang von Sinneswahrnehmung, also sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken, und den motorischen Systemen. Die Entwicklung vollzieht sich dabei im ersten Lebensjahr in 4 Stadien. Diese Stadien sind in zwei Beuge- und zwei Streckstadien eingeteilt. Die Bezeichnung Beuge- oder Streckstadium bedeutet dabei, dass die Funktion der Beuge- oder Streckmuskulatur im Vordergrund steht.

Im 1. -3. Monat, dem ersten Beugestadium, ist das Neugeborene damit beschäftigt sich in der Umwelt zurecht zu finden, sich um Atmung, Nahrungsaufnahme und Verdauung zu kümmern. Daher ist noch keine Kapazität vorhanden sich um den komplexen Einsatz der Muskulatur für den Lagewechsel zu widmen. Um die Reizdichte gering zu halten werden die Augen die ersten 4- 6 Wochen nur wenig geöffnet. Eine komplexe Gesichtserkennung ist durch den undifferenzierten Einsatz der Augenmuskulatur auch dann erst mal noch nicht möglich. Das Lächeln wird in dieser Phase als „soziales Lächeln“ bezeichnet und ist lediglich eine Schutzreaktion, eine Art „Tu mir nichts“ Reaktion auf bewegte Gegenstände und Personen, aber noch keine Kontaktaufnahme. Die Babys zeigen Massenbewegungen, das heißt noch keine isolierten , sondern grobe Bewegungsmuster. Dies sind angeborene Reaktionen. Dadurch wird die Rezeptorendichte, die anfangs kopfwärts liegt ,weiter zur Körpermitte gebracht.

Nach etwa drei Monaten sollte die Körpermitte gefunden sein, so dass die Extremitäten über der Mitte zusammengeführt werden können. Bereits hier liegt die Basis für das Gleichgewicht. Dies kann sich nur ausbilden, wenn die Körpermitte gefunden wurde. Ein entscheidender Schritt in der Kindesentwicklung

Nun erklärt sich auch die Bezeichnung Beugestadium, denn eine Kontraktion der Flexoren (also eine Anspannung der Beugemuskulatur) ermöglicht, dass sich die Extremitäten in der Körpermitte treffen können.

Dies ist auch der sportmotorische Ansatz bei Gleichgewichtsproblematiken im Kindesalter. Liegt eine Auffälligkeit vor, so könnte die Ursache darin liegen, dass der vorherige Entwicklungsschritt im Neugeborenenalter aus unterschiedlichsten Gründen nicht genügend vollzogen wurde,. So wurde beispielsweise die Körpermitte nicht vollständig gefunden. Übungsreihen, die nun das Zusammenführen von Händen und Füßen in der Körpermitte fördern können damit eine Möglichkeit zur Verbesserung des Gleichgewichtes sein.

Der Schritt zum sozialen Wesen in der Kindesentwicklung (im 1. Lebensjahr)

 

Bild: pixabay

 

Zudem bildet sich in diesem Alter das Urvertrauen aus. Wird das Unbehagen der Babys durch die Mutter gestillt, bekommt es genügend Zuneigung und Liebe bildet sich das Urvertrauen aus. Dies wird im Alter von sieben bis neun Monaten nochmals wiederholt. Hier ist es das Vertrauen darauf, dass eine mentale Verbindung vorhanden ist, auch wenn die physische Präsenz gerade nicht gegeben ist- „Mama und Papa kommen wieder“. Das fehlende Urvertrauen könnte dabei für einige Charakterzüge im Alter verantwortlich gemacht werden. Beispielsweise kann dies Ausdruck in einer Bindungsunfähigkeit oder generellem Misstrauen finden. Wiederum ein essentieller Schritt in der Kindesentwicklung um eine soziales Wesen werden zu können.

Ausbau der Beweglichkeit im ersten halben Lebensjahr

Im ersten Streckstadium, 4.- 6. Monat, haben die Babys nun mehr Kapazität um sich um die Motorik zu kümmern. Bewegungen werden koordiniert und die Extremitäten gegen die Schwerkraft angehoben, dies wird in Bauchlage als „schwimmen“ bezeichnet.

Drehen, also der erste Lagewechsel, geschieht durch Bewegungseinleitung über den Kopf. Es folgt die Schwerpunktverlagerung zur Seite und die Streckung der Extremitäten, welche in diesem Stadium im Vordergrund steht, sowie dem Einsatz der Rumpfmuskulatur.

Die Eigenwahrnehmung ist abgeschlossen, und die Körpergrenzen sind gefunden. Die Babys haben also nun schon eine Wahrnehmung dafür wo sie beginnen, und wo sie aufhören und wissen „ich bin jemand“. Eine Störung der Eigenwahrnehmung kann im Alter durch eine gestörte Selbstwahrnehmung zu Erkrankungen führen. Zudem können Verhaltensauffälligkeiten, wie körperliche Unruhe, Anecken und Stoßen an Gegenständen und Kameraden im Kindesalter auch an einer verminderten Wahrnehmung für die eigenen Körpergrenzen liegen. Die Folge ist, dass die Kinder durch physisches Anecken versuchen ihre eignen Grenzen durch äußere Faktoren zu spüren. Auch hier können gezielte Übungsreihen dafür genutzt werden, an der richtigen Stelle die fehlenden sensomotorischen Erfahrungen wieder zu geben, und womöglich dadurch eine Verhaltensänderung einzuleiten.

Bewusstes Lächeln dient nun auch der Kontaktaufnahme und Kommunikation.

Die Kindesentwicklung in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres

Im 2. Beugestadium, 7.-9. Monat, beginnen die Babys zu kreiseln, zu robben, und durch Wippbewegungen den Körperschwerpunkt zu finden. Es folgt die Aufrichtung gegen die Schwerkraft in den Sitz. Die Babys fremdeln in dieser Phase. Dies bedeutet eine große Skepsis gegenüber unbekannten Personen. Ein wichtiger Schritt, denn es zeigt die Auseinandersetzung mit der Umwelt, dies ist nur möglich wenn die Selbstwahrnehmung abgeschlossen ist.

Im 2. Beugestadium, 10.- 12. Monat, steht das koordinierte Krabbeln als Ziel. Zunächst wird der rückwärts erlernt, da „sich weg drücken“ leichter als „sich heranziehen“ ist. Dies führt häufig zum Unleid der Kinder, denn sie wollen einen Gegenstand erreichen und bewegen sich zunächst davon fort. Nach einiger Zeit und vielen Bewegungserfahrungen erlernen die Babys aber schließlich sich vorwärts fortzubewegen.

Allgemeine Prinzipien der Kindesentwicklung

Voraussetzungen für das Krabbeln sind generell: Beweglichkeit, Muskelkraft, Brückenaktivität, Koordination, Gleichgewichtsreaktionen, willkürliches Verschieben des Körperschwerpunktes, Raumorientierung, Überlagerung der Reaktionen, Einsatz der Stützpunkte, Aufrichtung gegen die Schwerkraft.

Die sensomotorische Entwicklung folgt den allgemeinen Prinzipien von großer zu kleiner Unterstützungsfläche, von Massenbewegungen hin zu Differenzierung. Erst wenn eine Ausgangsstellung sicher beherrscht wird, wird das Baby übermütig und fällt in die neue Ausgangsstellung. Nun wird zuerst der Rückweg in die beherrschte Lage geübt, bis die willkürliche Einnahme in die neue Ausgangsstellung erfolgt. Erlernt ein Kind nicht selbst die motorischen Schritte, wird es z.B. zu früh hingesetzt, passiv, fehlt es an der Abspeicherung im Cortex, also dem Lernprozess von Bewegungsmustern. Die Folge ist zudem eine Fehlbelastung, da die Muskulatur noch nicht kräftigt genug ist um sich gegen die Schwerkraft aufrecht zu halten. Auch das Überspringen von Entwicklungsstufen wie z.B. das Krabbeln führt dies zu mangelnden Bewegungserfahrungen.

Zudem ist krabbeln vom Bewegungsablauf her komplexer als Laufen. Ein Kind das krabbelt wird mit höchster Wahrscheinlichkeit Laufen lernen. Umgekehrt jedoch, kann ein Mensch der Laufen kann (und das Krabbeln übersprungen hat) womöglich nicht krabbeln können, da es koordinativ anspruchsvoller ist.

Gesellschaftliche Entwicklungen

Wie man in der sensomotorischen Entwicklung sehen kann, ist es das wichtigste, dass die Babys und Kinder selbst möglichst viele Bewegungserfahrungen machen. Jedes Kind wird hunderte von Male versuchen sich zu drehen, zu krabbeln, zu laufen, bevor es gelingt. Jeder gescheiterte Versuch ist notwendig, denn hier lernt der Körper, dass der Muskeleinsatz zu undifferenziert, zu schwach oder zu stark war, und kann es beim nächsten Versuch ändern. Jeder Versuch wird das Kind näher an den gewünschten Bewegungsablauf bringen. Dabei ist der angeborene Bewegungsdrang und der unbedingte Wille, die Motivation, notwendig. Das Gehirn lernt nur, wenn die Erfahrung aktiv selbst gemacht wurde, und hunderte von Malen durchgeführt wurde, bis es zur Routine für das Gehirn geworden ist und die Bewegungsmuster wie automatisch abgerufen werden können. So verhält sich im Training von Erwachsenen, wie auch in der Kindesentwicklung.

Hierbei ist die gesellschaftliche Entwicklung nun ein beeinflussender Faktor von außen.

Viele Kinder bekommen durch äußere soziale, gesellschaftliche, ökonomische Einflüsse nicht mehr die Möglichkeit Erfahrungen selbstständig zu sammeln. Stattdessen vermitteln die heutigen Medien ein passives Aufnehmen von Erfahrungen die durch zweite Hand vermittelt werden. Ohne sie auszuprobieren oder einordnen zu können haben die Kinder die Erfahrung angenommen, aber nicht selbst erlernt. Somit auch nicht auf dem Cortex abgespeichert. Zudem führen hohe Erwartungen und Perfektionismus dazu, dass ein Scheitern häufig negativ bewertet wird und nicht als notwendiger Schritt zum Ziel einer gesunden Kindesentwicklung gesehen wird. Dies führt dazu, dass immer weniger Kinder auf einem Bein stehen können, Seilspringen oder einen Purzelbaum machen können. Häufig wurden diese Bewegungserfahrungen verpasst, der angeborene Bewegungsdrang durch eine zu frühe Anpassung an das Leistungssystem genommen, und die Motivation durch negative Reaktionen auf Scheitern (häufig auch nur indirekt mitbekommen) genommen. Auch orthopädische Fußerkrankungen wie Knick- ,Senk- oder Spreizfüße können häufig auf eine zu wenig ausgeprägte Fußmuskulatur zurück geführt werden. Barfuß laufen, über Steine, über unebene Unterlagen stimulieren die Fußflächen, den Gleichgewichtssinn und die feine Fußmuskulatur. Zudem können sich auch die Beinachsen, das heißt ein Ungleichgewicht der Beinmuskulatur, oder eine schwache Rumpfmuskulatur auf die Füße auswirken. Muskulär einseitige Belastungen schon im Kindesalter durch zu viel sitzen und mangelnder Ausgleich in Form von Bewegung und motorisch fordernder Erfahrung können dabei Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Kindes haben.

Prävention und Sport bei der Kindesentwicklung

Um orthopädische Schädigungen vorzubeugen, aber vor allem auch um die gesunde psychische und physische Entwicklung der Kinder zu unterstützen gibt es präventive Möglichkeiten. Wenn es durch äußere Umstände nicht möglich ist den Kindern in der Natur, bei Spiel und Sport genügend Bewegungsmöglichkeiten zu geben, können auch Sportkurse besucht werden. Durch Physiotherapeuten oder ausgebildete Trainer geleitet, werden hier alle Entwicklungsschritte und sportmotorischen Basisfähigkeiten mit einbezogen und die Kinder dort adäquat abgeholt wo sie stehen und individuell gefördert werden können.

Auf lange Sicht würde es sich bereits im Kindergarten und in der Grundschule empfehlen solche Sporteinheiten zu integrieren, um die sensomotorische Entwicklung unterstützen. Zudem können beispielsweise Physio- oder Sporttherapeuten durch einen geschulten Blick für Bewegungsabläufe schnell den Entwicklungsstand der Kinder erkennen und spezifisch fördern.

Bis es jedoch soweit ist gibt es auch Sportangebote, die sich speziell mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Nämlich die Sensomotorik spielerisch zu schulen, welche im Alltag für Kinder nur noch eingeschränkt nutzbar und zugänglich ist.

Ausgewählte Übungsreihen, die durch speziell ausgebildetes Personal vermittelt werden, sollen den Kindern spielerisch wieder Spaß an Bewegung nahe bringen und präventiv ein großes Spektrum an Bewegungserfahrungen bieten. Dies steht beispielsweise bei den kids fit Kursen von black and white personal training in Augsburg an erster Stelle.

(Bei Interesse, genauere Infos: https://www.blackandwhite-augsburg.de/kindersport/kinderfitness/ )

i.A. Black and white personal training, Natascha Bartel, Physiotherapeutin, Ernährungstrainerin

Oliver Weymannhttps://carewelt.de/
B.A. Pflegepädagogik Abschluss 2021; Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger

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