Donnerstag, Mai 23, 2019

Warum der Begriff Diät oft falsch verstanden wird

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Mittlerweile gibt es viele verschiedene Möglichkeiten Abzunehmen. Doch nicht jede Diät ist gleich. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg zur besseren bzw. idealen Ernährung finden. Der Ernährungsfachmann Harald Swatosch berät nicht nur die Augsburger Panther, sondern auch andere Spitzensportler. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen erklärt Swatosch, warum viele Menschen eine falsche Vorstellung vom Abnehmen haben und was es zu beachten gilt.

Herr Swatosch, was ist entscheidend, wenn ich abnehmen will?

Swatosch: Entscheidend ist die Frage an mich selbst: Warum will ich abnehmen? Warum bin ich unzufrieden mit mir? Ist es mein Selbstbild, fehlende Leistungsfähigkeit, meine Figur, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Allergien, Unverträglichkeiten oder der gesellschaftliche Druck? Wenn der Grund mächtig genug ist, dann ist es das Ziel, eine Ernährungsform zu finden, die wieder Spaß macht und der Funktion der Ernährung, also der richtigen Energiezufuhr, wieder gerecht wird.

Viele wissen vermutlich gar nicht, was es an Aufwand bedeutet, dauerhaft das sogenannte Idealgewicht zu erreichen?

Swatosch: Das stimmt. Wenn du eine Veränderung haben willst, musst du dir bewusst machen, was der Preis dafür ist. Oft ist das Problem, dass die Leute abnehmen wollen, und bei einer Analyse kommt heraus: Du solltest dieses und dieses und dieses in den Griff bekommen. Die Antwort ist dann oft: Ich kann doch am Samstag nicht auf meinen Kuchen verzichten. Oder ich kann doch nicht meine zwei Gläser Wein am Abend weglassen. Schauen wir uns unsere Handlungen genauer an, bemerken wir, dass 80 Prozent auf Autopilot laufen. Unser Gehirn liebt Routine, denn sie erfordert deutlich weniger Anstrengung. Wollen wir unser über Jahre gewohntes Verhalten plötzlich radikal ändern, fällt uns das schwer. Wichtig ist, dass wir Schritt für Schritt zielorientiert in Richtung der Veränderung gehen.

Mit einer Diät verbinden aber die Wenigsten positive Gedanken?

Swatosch: Für die meisten ist Diät eine kurzfristige Intervention mit einer radikalen Reduktion von vielem, was uns glücklich macht. Und danach wollen wir ein Ergebnis haben, das im Idealfall ein Leben lang hält. Aber: Die Intervention ist nach ein paar Wochen vorbei und wir ernähren uns wieder wie vor der Diät. Schon allein der Begriff Diät wird dabei von uns falsch verstanden. Diät kommt aus dem altgriechischen Diaita und bedeutet Lebensweise oder die Kunst der Lebensführung.

Das Problem ist doch aber, dass Dinge wie Zucker und Fett unserem Körper ja gut gefallen. Und auf einmal sollen wir sie weglassen?

Swatosch: Das Perfide ist, dass diese Lebensmittel in unserem Körper erst nach vielen Jahren eine Stoffwechselerkrankung auslösen können. Nur werden wir in diesen Jahren bei genauem Hinsehen feststellen, dass gewisse Nebenwirkungen und Unbehaglichkeiten schleichend zunehmen. Auf das Gewicht reduziert gibt es Statistiken, welche uns im Durchschnitt eine Gewichtszunahme von einem Kilo pro Jahr attestieren. Klingt erst mal nicht nach besonders viel, summiert sich aber.

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Aber was ist denn nun ungesund?

Swatosch: Das gegenwärtige Problem ist, dass uns die Ernährungswissenschaft Studien über Studien vorsetzt. Zu jeder Lebensmittelgruppe gibt’s positive und negative Studien. Neue Studien widersprechen alten Studien oft komplett. Der Grund für diese oft so widersprüchlichen Ansätze ist, dass wir Menschen nicht alle identisch sind. Wir haben uns durch Evolution, durch die diversen Ernährungsmöglichkeiten der verschiedenen Klimazonen und durch unsere unterschiedlichen kulturellen Entwicklungen auch individuell angepasst. Stoffwechselprozesse sind über die Kontinente und Bevölkerungsgruppen stark unterschiedlich. Einfach gesagt: Was den einen nährt, kann den anderen krank machen. Die einfachste Variante der Esskontrolle für den Einzelnen ist: Iss erst einmal, was du willst. Natürlich kann man ein paar Standards beachten, wie zum Beispiel Zucker und Alkohol zu reduzieren. Aber frage dich danach, wie es dir geht. Die Ernährungswissenschaft kennt diesen Ansatz nicht oder nur teilweise.

 Wie soll ich mich denn fühlen?

Swatosch: Von 100 Leuten, die zu mir kommen, sagen 90, dass sie nach dem Essen müde, unkonzentriert, träge sind oder einen Blähbauch haben. Fünf Minuten wäre dieser Zustand ja okay. Viele sind aber zwei Stunden lang platt. Leider stellen sich die wenigsten die Frage: Vielleicht war mein Mittagsessen nicht optimal für meinen Körper, obwohl ich doch den Regeln der Ernährung gesund gegessen habe.

 

Weiß also auch die Ernährungswissenschaft nicht, was gut und was schlecht ist für den menschlichen Körper?

Swatosch: Ich würde es so sagen: Wir wissen noch längst nicht alles, und Wissenschaft ist immer im Fluss. Sie entwickelt sich ständig und muss durch neue Erkenntnisse manches neu bewerten. Der Mensch ist hoch komplex und nicht wie ein Computer zu verstehen. Studien, Studiendesigns und Transfers auf die Allgemeinheit schränken uns im Ernährungsbereich oft ein. Wir sind mitten in einer Entwicklung und noch lange nicht am Ende. Menschen fühlen sich mit verschiedenen Lebensmitteln einfach unterschiedlich.

 Also sind Ernährungsrichtlinien überbewertet?

Swatosch: Dabei geht es darum: Wie schaffe ich es, dass 90 Millionen Deutsche eher gesund sind. Dazu kommt dann immer noch der Einfluss der Wirtschaft und Industrie. Da entscheidet nicht, was für den Einzelnen richtig wäre. Da entscheidet, was wäre für 90 Millionen Menschen eher gesund oder eher schädlich. Um die allgemeine Gesundheit zu erhöhen, ist es durchaus sinnvoll, mehr Kohlehydrate zu essen. Für die circa acht Millionen Diabeteskranken in Deutschland ist dieser Ansatz aber falsch.

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 Warum haben wir überhaupt Übergewicht, wenn es so ungesund ist?

Swatosch: Wenn wir uns nur Europa anschauen, dann war Hunger bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg allgegenwärtig. Hunger war für die breite Masse viel häufiger der Fall als Überfluss. Im Mittelalter galt ein Mensch mit Übergewicht als sensationell hübsch und wohlhabend. Unser Weltbild, dass wir dünn sein wollen, hat evolutionsbiologisch für den Menschen gar keinen Sinn.

Unser Körper legt lieber Fettreserven an…

Swatosch: Der Akku im Körper ist das Fett. Der Mensch war über Jahrzehntausende im Überlebenskampf und hat den Stoffwechsel optimiert, um kurzfristigen Überfluss einzuspeichern. Da es immer wieder Hungerphasen gab, waren die Fettverbrennung und die Fettspeicherung perfekt geschult. Aber warum soll ein Körper, der immer im Überfluss ist, noch Fett verbrennen? Fettverbrennung ist etwas extrem Kompliziertes, das der Körper sehr ungern macht. Sie geht viel langsamer als die Kohlehydratverbrennung. Wenn also jemand untrainiert ist und eine Stunde im bestmöglichen Puls Sport macht, kann er nur sehr wenig Fett verbrennen. Der Körper hat es verlernt. Ein Leistungssportler dagegen ist im Endeffekt der Bauer, der vor 500 Jahren den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet hat. Ein Profi-Triathlet schafft es, bis zu 90 Prozent seiner Energie aus dem Fettstoffwechsel zu ziehen. Das ist trainierbar – durch Sport.

Und parallel muss man auf vieles verzichten, was glücklich macht, wenn man dauerhaft abnehmen will?

Swatosch: Eine hochgesunde Ernährung kann so gut wie keiner über ein Jahr durchziehen. Selbst von 100 Profisportlern schafft es nur einer. Wer von seinem Plan abweicht, kann das machen. Nur muss sich jeder im Klaren sein, welche Konsequenzen das hat. Ernährung ist nicht nur Wissen, Ernährung ist auch Intuition. Intuitiv wissen wir, was unser Körper verträgt und was nicht. Wer es nicht weiß, soll es ausprobieren. Gehen Sie ins Restaurant und essen Sie drei Portionen Pommes mit Mayo oder 500 Gramm Spaghetti und trinken Sie einen Liter Limo. Dann schauen Sie, ob Sie danach zum Joggen gehen wollen oder aufs Sofa. Ich kann das Ergebnis nicht vorhersagen. Einer verträgt das fettige oder kohlehydratreiche Essen, der andere nicht.

Und wie soll das langfristig aussehen?

Swatosch:Wer etwas verändert, muss das langfristig machen. Zum Beispiel ein Jahr lang zuckerarm oder fettarm essen. Die Frage ist, welche Umstellung für den Einzelnen die richtige ist. Jeder Mensch ist individuell. Der eine kann hier in Deutschland essen, was er will, ohne zuzunehmen, der andere nicht. Der eine wird nach fettem Essen träge, der andere nicht. Der eine verträgt viel Obst, der andere nicht. Jeder muss das für sich herausfinden. Diesen Weg ein wenig abzukürzen haben wir uns in unserem beruflichen Feld als Ziel gesetzt.

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Florian Croseck
M.A. Prävention & Gesundheitsmanagement Dez.19; B.Sc. Pflege- und Gesundheitswissenschaften; Examinierter Gesundheit- und Krankenpfleger; Pflegeberater nach § 7a SGB XI; Derzeit: stellv. PDL in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung