Donnerstag, Mai 23, 2019

Patientenlotsen vs. Community Health Nursing

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Ganz aktuell ist nun ein relativ unbekannter Begriff in der Gesundheitspolitik auf den Tisch gekommen. Es geht um sogenannte Patientenlotsen. In den Fokus gerückt wurde dieses Thema durch zwei starke Frauen aus dem Gesundheitswesen. Grit Braeseke (Berliner IGES Institut) und Claudia Schmidtke (Patientenbeauftragte der Bundesregierung).

Was sind Patientenlotsen?

Patientenlotsen sollen, einfach gesprochen, Menschen helfen sich im Gesundheitssystem zurecht zu finden. Genauer geht es um die Orientierung im SGB V. Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch V zielen auf die medizinische Versorgung ab. Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, Rezepte oder Fragen der Kostenübernahme sind nur einige Bereiche, die von einem Patientenlotsen abgedeckt werden könnten. Dabei ist jedoch noch recht offen, welche Qualifikationen oder Ausbildungen solche mitbringen müssen. Die Ungewissheit liegt auch daran, dass es bis jetzt nur einzelne Modellversuche zu Projekt „Patientenlotsen“ gibt.

Wer kann von den Lotsen profitieren?

Der Zugang zu den Lotsen soll zu Beginn des Projektes stark beschränkt werden. Alte Menschen, die grundsätzlich als gesund gelten, können zum Beispiel keinen Anspruch auf einen Termin beim Patientenlotsen haben. Das IGES-Institut sagt zu der angepeilten Zielgruppe folgendes:

…Patientenlotsen für schwer, chronisch oder mehrfach erkrankte Menschen einzuführen, die ihre Versorgung nicht selbst oder mithilfe ihres Umfeldes organisieren können.

Kritik am Patientenlotsen-Modell

Die Sozialgesetzbücher Deutschlands sind alles andere als einfach zu verstehen. Unzählige Jahrgänge von Studenten der verschiedensten Fachrichtungen haben sich damit schon auseinander geschlagen und sich durch die Prüfung gekämpft. Da stellt sich doch die Frage, wie dann Einzelpersonen, die kein rechtliches Hintergrundwissen haben, durch diesen Irrgarten gelangen sollen. Ganz abgesehen davon, dass eventuell Leistungen, die einem Menschen zustehen dann nicht in Anspruch genommen werden können.

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Außerdem regt sich Widerstand von den Hausärzten und Fachärzten für Allgemeinmedizin. Denn bis jetzt erfolgt eine solche Beratung meistens durch die Ärzte oder die medizinischen Fachangestellten. So schreibt zum Beispiel ein Leser auf der Webseite des deutschen Ärzteblattes:

Der vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ins Spiel gebrachte Patientenlotse soll die bio-psycho-soziale, medizinische Steuerungsfunktion der Hausärztinnen und Hausärzte und ihre Mitarbeiter/-innen in Deutschland ganz offensichtlich untergraben, für bisher unzureichend, unqualifiziert, ungenügend und nicht zertifiziert erklären: Die vertragsärztliche Kernkompetenz der hausärztlich-allgemeinärztlich-internistischen Versorgung ersetzen oder überflüssig machen.

Zudem wird in einigen Kommentaren die Angst formuliert, dass durch die neuen Patientenlotsen, noch weniger Absolventen den Weg in die ländliche Hausarztpraxis suchen werden, und somit die Versorgung im ländlich Raum noch schlechter gewährleistet werden kann.

Uns von carewelt stellt sich jedoch eine ganz andere Frage: Warum brauchen wir dieses Modell überhaupt? Es gibt nämlich schon ein Modell, was sich in anderen Ländern schon längst bewahrt hat. Community Health Nursing ist die Versorgungsstruktur der Zukunft, jedoch sucht Deutschland wieder nach einem eigenem Weg, der dann wie so oft wieder scheitern wird.

Was genau ist Community Health Nursing (kurz: CHN) ?

Community Health Nursing ist Teil der primären Gesundheitsversorgung. Dabei soll und wird es nicht die Beziehung zum Hausarzt ersetzen, sondern diese stärken und verbessern. Aber wie ist das möglich?

Ganz einfach: Ziel ist es immer einen Mehrwert für den Patienten oder potentiell zukünftigen Patienten oder die pflegebedürftige Person zu verschaffen. Und jetzt möchte ich Euch und Sie auffordern mal in die Vergangenheit zu reisen, und sich an die letzten fünf Arztbesuche zu erinnern. Und jetzt rechnen Sie mal bitte aus, auf wie viele Minuten Sie insgesamt kommen, in denen Sie tatsächlich Kontakt mit dem behandelnden Arzt hatten. Zu wenig Ihrer Meinung nach? Keine Angst: Ihre Meinung täuscht Sie nicht. Es ist zu wenig Zeit.

Eine Studie die im Fachjournal „BMJ Open“ veröffentlicht worden ist, zeigt die erschreckenden Zahlen. In Deutschland liegt die durchschnittliche Gesprächszeit bei ungefähr 7,5 Minuten. Und unsere europäischen Nachbarn? Haben dort die Patienten mehr Zeit mit ihrem Arzt? In der Tat, und die Unterschiede sind wirklich signifikant. In Frankreich beträgt die Zeitspanne 16 Minuten, die Schweizer Patienten bekommen 17 Minuten Zeit zum Reden eingeräumt. Spitzenreiter ist Schweden mit atemberaubenden 22,5 Minuten.

Wie kommen solche Zahlen denn zustande?

Wenn ein Patient zum Beispiel zum Arzt geht ohne vorher sich informiert zu haben oder vorbereitet worden zu sein muss der Arzt versuchen alle Information in kürzester Zeit zusammen zupacken und dem Patienten verständlich wiederzugeben. Dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt. Denn wenn ein Patient multimorbide oder chronisch krank ist,  dann hat er viele Fragen und viele Baustellen die es zu Beachten und zu Bearbeiten gilt. Solche Baustellen könnten zum Beispiel durch Community Health Nurses bearbeitet werden. Durch extra ausgebildetes (akademisiertes) Pflegepersonal, welches sich mit chronischen Krankheiten und multimorbiden Erkrankten gut auskennt, können Beratungsprozesse beschleunigt werden und die Sprechzeit mit dem Arzt verlängert werden.

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Welche Einsatzgebiete gibt es beim CHN?

Ja nach Setting kommt es zu verschiedenen Tätigkeiten die, die Community Health Nurse durchführen kann. Dabei geht es um die Beratung der Patienten und Patientinnen, das klinische Assessment, die Befähigung von Patienten und Patientinnen. Gerade der Punkt, dass man Patienten und Patientinnen befähigt zu einer eigenen Meinung über die eigene Gesundheit ist essentiell. Denn daraus erfolgt ein tatsächliches Mitsprachrecht. Aktuell sind die Patienten äußerst abhängig davon, welche Informationen ihnen durch den Arzt zur Verfügung gestellt werden. Das liegt jedoch nicht an der Willkür der Ärzte, sondern an dem herrschendem Zeitmangel, und den Druck jeden Patienten sehen zu müssen.

Darüber hinaus ist ein großer Schwerpunkt die Gesundheitsförderung oder die Gesundheitserhaltung. Dabei liegt der liegt das Augenmerk auf den verschiedenen Präventionsarten. Also der primär-, sekundär-, und Tertiärprävention. Zudem können Community Health Nurses bei der Vermittlung von Gesundheitskompetenz helfen und auch die Koordination und Kooperation von verschiedenen Anbietern und Dienstleistungen aus dem Gesundheits- und Pflegewesen stärken.

Die Zielgruppen beim Community Health Nursing

Im Gegensatz zu den Patientenlotsen ist bei dem Community Health Nursing-Ansatz die Zielgruppe deutlich größer und weit gefächert. Es gibt Menschen mit chronischen Erkrankungen Menschen mit Unterstützungsbedarf oder pflegebedürftige Menschen. Zudem würden auch alte Menschen oder alleinstehende Menschen die Beratung benötigen die Ansprüche erfüllen, um Teil der Zielgruppe vom CHN zu werden. Ebenso könnten Menschen mit speziellen Problemen oder Problemen die mit ihrer Herkunft zusammenhängen beraten werden. So zum Beispiel geflüchtete Menschen oder Asylbewerber denen das nötige Grundwissen der deutschen Versorgungsstrukturen und der deutschen Gesetzgebung fehlt. Ein weiteres Setting wäre beispielsweise die Gesundheitserziehung in Schulen zu fördern. Dort könnten auch Community Health Nurses helfen, dass z. B. Kinder mit Über-, Unter-, oder Fehlernährung ihre Probleme zusammen mit den Eltern oder Lehrern bewältigen und somit spätere Folgeerkrankungen vermeiden können. Dadurch würde auch eine finanzielle Entlastung des deutschen Gesundheitssystems einhergehen.

Neben der individuellen Gesundheitsberatung kann auch das Versorgungsmanagement das sogenannte Casemanagement dadurch verbessert werden. So sind z. B. Prozesse der Überweisung oder Überleitungen in stationäre Altenheime oder Reha-Einrichtungen durch Community Health Nurses möglich und erleichtern somit den Arbeitsaufwand von Hausärzten oder den Sozialarbeitern in Krankenhäusern. Dabei ist wiederum hervorzuheben ,dass das Projekt „Community Health Nursing“ nicht die kommunale Gesundheitseinrichtungen (MVZ) oder die Hausärzte ersetzen soll, sondern als Bindeglied zwischen diesen in Zukunft etabliert wird. Darin liegt auch der Mehrwert für die Patienten. Denn wenn sie dann mehr Zeit bei schwierigen oder schweren Erkrankungen mit dem Arzt verbringen können, sind sie besser auf die Zukunft vorbereitet und fühlen sich gut und ausreichend betreut und beraten. Denken Sie einfach nochmal an die Minutenwerten, die Sie sonst mit Ihrem Arzt des Vertrauens verbringen.

Quelle: pixabay.com

Warum hätte dann der Hausarzt mehr Zeit für den Patienten?

Aktuell ist es so ,das jeder Patient der beim Hausarzt anruft und einen Termin benötigt auch einen Termin bekommt und ein Anrecht auf ein Gespräch mit dem Hausarzt hat. Dieser Erstkontakt könnte jedoch auch durch eine Community Health Nurse geschehen. Bei diesem Erstkontakt würde eine erste Einschätzung des Bedarfes abgesteckt werden. Daraus resultieren können dann ganz verschiedene Patientenpfade. Eine direkte Überweisung zum Facharzt ist genauso denkbar, wie ein ausführliches Gespräch mit dem Hausarzt. Sogar die eigenständige Behandlung von Bagatellerkrankungen, wie eine normale Erkältung könnte durch eine CHN durchgeführt werden. Ebenso wäre die Ausstellung von Folgerezepten für chronisch kranke Menschen eine mögliche Tätigkeit. Das würde wiederum erneut mehr Raum für Patienten-Arzt-Gespräche schaffen.

Welche Kompetenzen kann eine Community Health Nurse nicht aufbringen?

Bei diesem Punkt steht an oberster Stelle die Diagnostik von komplexen Erkrankungen.  vorrangig dem Arzt zu. Auch die Verschreibung von Arzneimitteln, die weitreichende Folgen im menschlichen Organismus auslösen sollten nur durch einen qualifizierten Arzt ausgestellt werden. Denn das Motto vom Community Health Nursing lautet nicht „being a little doctor“.

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Konfliktpotential durch Patientenlotsen

Schon allein die Einschränkung, dass die Patientenlotsen in Zukunft nur die Belangen aus dem SGB V behandeln sollen, sorgt für reichlich Potential für Konflikte und Missverständnisse. Dafür wieder ein kleines Gedankenspiel:

Sie haben Fragen, ob Ihre Angehörigen nun lieber eine geriatrische Reha beantragen sollen, oder vielleicht eine Kurzzeitpflege auch in Betracht kommt. Die Kostenfrage bei diesen zwei Varianten wird jedoch von zwei verschiedenen Sozialgesetzbüchern geregelt. So fällt die Kurzzeitpflege in des SGB XI und Reha-Maßnahmen in die Zuständigkeit des SGB V. Sogar die häusliche Krankenpflege wird nicht im SGB XI geregelt, sondern findet sich im SGB V wieder. Jetzt haben Sie vielleicht Vorstellungen im Kopf und machen einen Termin bei einem Patientenlotsen aus. Doch Ihre Zielvorstellungen liegen in der Zuständigkeit des SGB XI. Schickt Sie dann der Patientenlotse einfach wieder weg und Sie haben sich umsonst auf den Weg gemacht oder vielleicht lange auf diesen Termin gewartet? Konflikte und Kritik wären die Folge. Also wie sieht die Lösung aus?

Die Lösung: Community Health Nursing mit den nötigen Kompetenzen

Patienten und Angehörige wollen nicht von einer Beratungsstelle an eine andere Verwiesen werden. Man möchte eine zentrale Stelle, an denen man alle Informationen bekommt um sich selber oder seine Lieben bestmöglich versorgen zu können. Und genau so etwas wäre ein Zentrum der primären Gesundheitsversorgung, an dem dann auch hochqualifizierte Community Health Nurses arbeiten. Diese könnten dann alle Belange der Patienten und Angehörigen berücksichtigen. Also nicht nur ein Sozialgesetzbuch abdecken, sondern eine tatsächlich ganzheitliche Beratung anbieten. Also gesundheitliche Versorgung sicherstellen und verbessern und darüber hinaus auch die administrativen Herausforderungen zusammen mit dem Kunden/Patienten meistern. Nur so kann ein tatsächlicher Mehrwert für die Menschen in Deutschland geschaffen, und auch die nötige Kommunikation mit dem Arzt in Zukunft sichergestellt werden. Denn der demografische Wandel wird sich nicht in Luft auflösen.

 

Quellen:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aerzte-haben-laut-weltweiter-analyse-nur-wenige-minuten-pro-patient-a-1176897.html

https://bmjopen.bmj.com/content/7/10/e017902

https://www.dbfk.de/media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/chn_broschuere_kurz.pdf

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/101506/Regierungsbeauftragte-befuerwortet-Patientenlotsen

Oliver Weymannhttps://carewelt.de/
B.A. Pflegepädagogik Abschluss 2021; Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger