Was ist der Pflexit?

In den sozialen Netzwerken und diversen Fachzeitschriften liest man immer öfter über den sogenannten Pflexit. Aber was ist das überhaupt? In der Diskussion muss unbedingt zwischen den zwei Arten des Pflexits unterschieden werden.

Der persönliche Pflexit

Darunter versteht man, dass Pflegekräfte aus persönlichen Gründen dem Pflegeberuf den Rücken zu kehren. Ursachen dafür sind äußerst vielseitig und vielschichtig. In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich zwei Ursachengruppen identifizieren.

Rahmenbedingungen als Pflexit-Ursache

Zunehmende Arbeitsverdichtung, mangelnde Anerkennung durch die Öffentlichkeit und/oder den Arbeitgeber, schlechte Bezahlung und fehlende Freizeit sind die federführenden Gründe, weshalb Pflegekräfte aus dem Beruf aussteigen. Also ihren persönlichen Pflexit vollziehen.

Die Belastungen und die fehlende Anerkennung führen schnell zu einer „inneren“ Kündigung. Das bedeutet, dass der Arbeitnehmer sich nicht mehr mit seinem Arbeitgeber verbunden fühlt und nur noch seinen „Dienst nach Vorschrift“ ableistet. Das ist nicht nur gefährlich für die Organisation selbst, sondern kann negative Folgen für Patienten/Bewohner mit sich bringen. Denn durch diese innere Einstellung kann auch schnell die Qualität der Versorgung sinken. In der Betriebswirtschaft ist in diesem Zusammenhang immer wieder die Rede von Engagement und Commitment von Angestellten. Aber was ist das genau und wie können Arbeitgeber durch diese Attribute ihre Mitarbeiter besser binden?

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Wenn Mitarbeiter Engagement und Commitment in ihrer Verhaltensbereitschaft zeigen, dann führt das zu Produktivität, Effizienz und einer hochwertigen pflegerischen Versorgung. Jedoch kann der Angestellte das nicht alleine aus seiner persönlichen Position heraus. Dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Auch diese Faktoren sind wissenschaftlich sehr gut untersucht:

Ein Arbeitgeber muss seinem Arbeitnehmer gegenüber:

  • Informationen weitergeben,
  • die Arbeitstätigkeit attraktiv und angemessen gestalten,
  • ein kooperatives Führungsverhalten zeigen,
  • Entwicklungsmöglichkeiten schaffen,
  • das persönliche Wohlbefinden fördern.

Neben diesen Kernelementen, die in Studien als besonders wichtig eingestuft worden sind, sind auch Faktoren wie Kollegen und Entlohnung ebenfalls relevante Faktoren.

Rahmenbedingungen-Fazit

Rahmenbedingungen sind natürlich abhängig von politischen Entscheidungen und von Tarifverhandlungen. Jedoch hat auch jede Führungskraft im Gesundheitswesen und in der Pflege die Möglichkeit durch eigene Maßnahmen die Ursachen für den persönlichen Pflexit zu verhindern.

psychische und physische Auslöser

Im oberen Abschnitt wurde schon das Wohlbefinden von Mitarbeitern angesprochen. Darauf möchten wir jetzt noch genauer eingehen.

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Für manche Pflegefachkräfte sind die schlechten Rahmenbedingungen vermeintlich gut ertragbar. Doch die Zahlen bezüglich Krankenstand und psychischen Erkrankungen im Bereich der Pflege sprechen eine andere Sprache. Ich denke viele von euch kennen Kollegen oder Kolleginnen, die sich aufopfern. Dieses „Aufopfern“ kann aber auch wieder verschiedene Möglichkeiten haben. Manchen tun dies aus falscher Dankbarkeit dem Arbeitgeber gegenüber. Sie haben das Gefühl, dass sie ihm (dem Arbeitgeber) etwas schuldig sind und setzen dann die eigene Gesundheit auf’s Spiel. Andere fühlen sich dem Team auf der Station oder dem Wohnbereich so verbunden, dass für sie der Gedanke unerträglich ist, wenn sie jetzt nicht Einspringen oder zu Hause bleiben, weil sie selber krank sind. Beides ist verheerend für diese „Gut-Menschen“. Denn ein solches Verhalten verursacht in vielen Fällen Krankheiten, die dann gegebenenfalls sogar in einer Berufsunfähigkeit münden oder vorher dann doch irgendwann einen persönlichen Pflexit aus gesundheitlichen Gründen auslöst.

Einflüsse der Rahmenbedingungen sind hier natürlich nicht von der Hand zu weisen. So ist die Arbeitsverdichtung einer der Hauptgründe für Erkrankungen am Bewegungsapparat. Oder die Tatsache, das man heute als Pflegekraft einen Patienten alleine mobilisieren muss, wo früher noch ein weitere Paar Arme zur Verfügung gestanden sind.

Belastungen-Fazit

Jeder ist sich selbst der Nächste! Ich möchte an dieser Stelle nicht zum absoluten Egoismus aufrufen. Aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Wenn man krank ist, dann bleibt man zu Hause. Wenn man einen Patienten hat, der einfach zu schwer ist und man ihn alleine aus dem Bett heben müsste, dann geht das halt nicht. Und wer mit dem Stress nicht umgehen kann, sollte sich Gedanken machen vielleicht ein Seminar zur Stressbewältigung zu besuchen. Verantwortung für das eigene Wohlbefinden liegt in erster Linie bei einem selbst, auch wenn der Arbeitgeber natürlich auch Bestrebung anstellen sollte, um das Wohlbefinden zu steigern. Zum Beispiel im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Der System-Pflexit

Dieser Pflexit wird in der Zukunft stattfinden, jedoch nicht die gesamte Pflegebranche beeinflussen, sondern nur die Pflege in Krankenhäusern. Aktuell werden pflegerische Tätigkeiten über die DRGs abgerechnet.

DRGs gruppieren Fälle ein. In diesen Fall fließen dann verschiedene Parameter ein. Aus den ganzen Daten wird dann am Ende ein Fallwert erzeugt. Dieser stellt dann die Vergütung für das Krankenhaus dar, welches es für den Patienten XY mit der Diagnose AB bekommt. Seit der Einführung der DRGs werden in diesen Geldern auch die jeweiligen Pflegetätigkeiten am Patienten mehr oder weniger vergütet. Also: Es gab keine eigenes Abrechnungssystem der Pflegetätigkeiten in Krankenhäusern. Das soll sich jetzt ab dem 01.01.2020 ändern. Die Öffentlichkeit verwendet dafür den Begriff des „Pflexits“. Angelehnt an den Brexit von Großbritannien aus der EU.

Wie wird die neue Rechnung aussehen?

Das Abrechnungssystem im Krankenhaus war und wird für Laien immer etwas verworren bleiben. Die DRGs haben wir versucht mal kurz und knapp zu erklären. Aber wie ist das jetzt mit der neuen Pflegepersonalkostenvergütung ab 2020, die im PpSG §6 KHEntgG und anderen Gesetzen festgeschrieben worden ist?

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Also die DRGs bleiben erhalten. So viel steht man fest. Dazu kommen wird jedoch eine neue Pflegeerlösabrechnung. Diese soll dann die Pflegekosten realistisch darstellen.

Der Erlös, welcher in Zukunft aus der Pflege abgebildet wird, besteht aus drei Faktoren. Multipliziert wird eine Bewertungsrelation mit der Verweildauer und einem individuellen Pflegeentgeltwert. Der Pflegeentgeltwert setzt sich aus der Relation zwischen den Pflegekosten und dem Pflege-Daymix zusammen. Wenn dann am Ende der Erlös nicht die Pflegekosten decken kann, würden die Pflegekosten ausgeglichen werden. Also werden die Mehrkosten zu 100 %  weitergeleitet. Die damit verbundene Selbstkostendeckung hat aber nicht nur positive Folgen, was den GKV schon auf den Plan gerufen hat. In einer Stellungnahme zu den Plänen heißt es:

„Die vorgeschlagene Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus den DRG-Fallpauschalen auf Basis einer Selbstkostendeckung löst zwar das Problem der zweckgebundenen Finanzierung in der Pflege, da mit der Vereinbarung des Pflegebudgets auch nur tatsächlich belegte Pflegepersonalkosten finanziert werden. Die mit der Selbstkostendeckung verbundenen Fehlanreize wiegen allerdings schwer (Unwirtschaftlichkeit und Intransparenz). Vor diesem Hintergrund sollten die möglichen und in der Vergangenheit zu beobachtenden Fehlanreize der Selbstkostendeckung bei der Ausgestaltung der künftigen Pflegefinanzierung weitestgehend ausgeschlossen werden. Ein System, das keinerlei Bedarfsrahmen setzt, umfangreiche Nachweis-und Kontrollpflichten bedingt und keine Transparenz über die Mittelverwendung kennt, kann keine Dauerlösung sein.“

System-Pflexit Fazit:

Neben den Ängsten der gesetzlichen Krankenversicherungen, dass Gelder im System falsch verwendet werden und es noch Unwirtschaftlicher wird, haben auch viele Pflegekräfte Angst davor, dass sie in Zukunft Tätigkeiten ausführen müssen, die eigentlich nicht Bestandteil der Pflegeausbildung waren. Das Problem dahinter ist die fehlende Definition im Gesetz, was den Pflege überhaupt im Krankenhaus zu tun hat und tun darf. Daher könnte eine weitere Arbeitsverdichtung der Pflege bevorstehen, wenn die neuen Stellen zwar zu 100% Refinanziert werden, aber nicht ganz klar geklärt ist, was die Pflegekräfte überhaupt machen müssen. Denn eins ist mal klar. Ein Geschäftsführer, der die Ausgaben für eine Pflegestelle komplett zurück bekommt, aber keine Vorgaben bekommt wie er diese Pflegekraft überhaupt einsetzen muss. Der wird sicherlich mit dem Gedanken spielen, ob man Pflegekräfte nicht auch zur Bettenaufbereitung oder Zimmerreinigung einsetzten könnte. Denn die Stellen für Reinigungspersonal werden natürlich in der näheren Zukunft nicht refinanziert.

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Oliver Weymannhttps://carewelt.de/
B.A. Pflegepädagogik Abschluss 2021; Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger

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