Montag, Juni 17, 2019

AOK sieht geplante Apothekenreform sehr kritisch

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Der Entwurf zur Apothekenreform sendet aus Sicht des AOK-Bundesverbandes widersprüchliche Signale. „Es ist richtig, die Not- und Nachtdienste der Apotheken aufzuwerten, denn das stärkt das Engagement und die Versorgung in strukturschwachen Gebieten“, so Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Doch es sei völlig unklar, warum weitere 100 Millionen Euro für sogenannte zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen an die Apotheker gezahlt werden sollen. „Für diesen zusätzlichen Vergütungstopf steht die Höhe bereits fest. Auch, dass die Apotheker die Mittel selbst verteilen dürfen. Dagegen muss das zu lösende Versorgungsproblem erst noch erfunden werden“, so Litsch. Rückblickend auf die ersten Eckpunkte aus dem Dezember 2018 habe sich das Volumen der Extravergütung zwar deutlich reduziert, „aber es ist auch klar, dass sich die Koalition mit diesem Klientelgeschenk vom Versprechen des Versandhandelsverbots freikauft.“

Der Vorstandsvorsitzender verweist auf einige AOK-Projekte zum Medikationsmanagement, die auch die Apotheker mit einbeziehen. An oberster Stelle stehe hier die verbesserte Versorgung der Patienten. „In solchen, auf die regionalen Bedarfe abgestimmten Vereinbarungen kann es sinnvoll sein, ergänzende pharmazeutische Dienstleistungen festzulegen. Dagegen laufen die im Eckpunktepapier vorgesehenen Verhandlungen auf Bundesebene auf eine unspezifische und intransparente Gießkannenfinanzierung hinaus, mit der die Versorgung nicht verbessert wird.“

Fragwürdig ist auch, ob die jetzt vorgesehene Preisgleichheit zwischen den Versandhandel und der Apotheke vor Ort rechtlich Bestand haben Fragwürdig ist auch, ob die jetzt vorgesehene Preisgleichheit zwischen den Versandhandel und der Apotheke vor Ort rechtlich Bestand habe. Schwer vereinbar, in Bezug auf die europarechtlichen Vorgaben, sei der vorher für Versandhändler geplante Bonusdeckel von 2,50 Euro je abgegebener Packung gewesen. Litsch ergänzte: „Diese weitere Verschärfung ist auf Druck der Apothekerlobby zustande gekommen und aus europarechtlicher Perspektive noch anfälliger. Wir halten es für hochwahrscheinlich, dass die Regelung weitere Klagen und damit eine Neubefassung durch den Europäischen Gerichtshof provoziert. Durch die trickreiche Einbindung von Regelungen der Arzneimittelpreisverordnung ins Sozialgesetzbuch wird sich das kaum verhindern lassen.“

Gegen den Versandhandel kämpfe die Apothekerschaft schon seit Jahrzehnten an, da sie dadurch ihr Geschäftsmodell bedroht sehe. Litsch stellt klar: „Alle Analysen und Statistiken zeigen, dass die Rede vom akuten Apothekensterben eine Chimäre ist. Und der Versandhandel ist auch nicht die Ursache dafür, dass es einige Apotheken schwerer haben als andere.“ Vielmehr gebe es Fehlanreize bei der Honorierung sowie ein Überangebot in den Städten.

Umfrage belegt Zufriedenheit mit Apotheken-Versorgung

Außerdem sind die Bürger in Deutschland mit der Apothekenversorgung derzeit sehr zufrieden. Dies belegt eine von der AOK beauftragte forsa-Umfrage aus dem Januar. Rund 2.000 Bundesbürger waren dafür unter anderem zur Zufriedenheit mit verschiedenen Infrastruktureinrichtungen befragt worden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen mit der Apotheken-Versorgung am zufriedensten sind – egal, ob sie auf dem Land oder in der Stadt wohnen. Danach befragt, was ihnen am wichtigsten ist, rangieren Apotheken hinter Hausärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Internetversorgung, Bildungseinrichtungen und Krankenhäusern.

Die Ergebnisse zu den Apotheken im Detail:

Bei der Bedeutung erreichen Apotheken mit 86 Prozent (sehr wichtig/wichtig) immerhin den sechsten Platz, hinter Hausärzten (95 Prozent), Einkaufsmöglichkeiten vor Ort (93 Prozent), Internetversorgung (90 Prozent), Schulen/Bildungseinrichtungen (87 Prozent) und Krankenhäusern (87 Prozent).

Bei der Zufriedenheit belegt die Apotheken-Versorgung deutlich den ersten Platz mit 93 Prozent (sehr zufrieden/zufrieden). Die Zufriedenheitsraten mit den Einkaufsmöglichkeiten (83 Prozent) und der hausärztlichen Versorgung (79 Prozent) sind zwar ebenfalls hoch, erreichen aber nicht ganz das Niveau der Apotheken. Betrachtet man die Zufriedenheitswerte für Apotheken abhängig von der Ortsgröße, variieren sie lediglich zwischen 89 Prozent in kleinen Ortschaften und 94 Prozent in Großstädten.

Gefragt wurde auch jeweils, ob sich die Versorgung in den letzten Jahren verbessert oder verschlechtert habe. Bei den Apotheken sehen 18 Prozent der Befragten eine Verbesserung. Dabei erleben die Bewohner kleinerer Gebietstypen sogar eine stärkere Verbesserung der Apothekenversorgung als die Bewohner in Städten. Und nur 7 Prozent sehen eine Verschlechterung. Die ärztliche Versorgung wird dagegen kritischer eingeschätzt. So sehen 23 Prozent bei den Fachärzten und 20 Prozent bei den Hausärzten eine Verschlechterung.

Trotz Zufriedenheit gibt es Anpassungsbedarf

Gleichwohl gibt es aus Sicht des AOK-Bundesverbandes Anpassungsbedarf. „Demographischer Wandel und Fachkräftemangel erfordern auch in der Arzneimittelversorgung strukturelle Veränderungen, damit die Zufriedenheit so hoch bleibt wie bisher“, betont der Verbands-Chef. Voraussetzung für die langfristige Sicherung einer gut erreichbaren Versorgung mit Arzneimitteln sei eine Weiterentwicklung und Flexibilisierung der Betriebsformen von Apotheken. Hierzu gehörten auch mobile Angebote, Apotheken ohne Vorhaltung eines eigenen Labors, Abgabeterminals für Arzneimittel mit Teleberatung und größere Filialverbünde mit Arbeitsbedingungen, die auch den Apothekernachwuchs ansprechen. Auch der Versandhandel zähle dazu. Litsch weiter: „Die Apothekenlandschaft kann eine Umstrukturierung vertragen. Es ist schade, dass die Koalition diese Chance zur Weiterentwicklung ein weiteres Mal verstreichen lässt.“

Quelle: https://www.presseportal.de/pm/8697/4235488

 

Florian Croseck
M.A. Prävention & Gesundheitsmanagement Dez.19; B.Sc. Pflege- und Gesundheitswissenschaften; Examinierter Gesundheit- und Krankenpfleger; Pflegeberater nach § 7a SGB XI; Derzeit: stellv. PDL in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung