Gewalt in der Pflege

Du kennst sie sicher auch, die Schlagzeilen über die Pflegefachkraft, welche in einem Pflegeheim zahlreiche ältere Menschen auf dem Gewissen hat. Oder die Fernsehreportagen über die miserable Situation in der stationären und ambulanten Pflege. Und wenn du selbst professionelle Pflegekraft bist, dann kennst du sicherlich auch die Geschichten über schlagende Patienten oder musstest es leider schon selbst erleben. Das alles ist Gewalt in der Pflege und hier erfährst du alles Wichtige darüber.

Diese Artikel und Erfahrungsberichte erzählen von älteren Menschen, die in einem stationären Pflegeheim oder durch einen ambulanten Pflegedienst versorgt und gepflegt werden. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen Teil der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland, über die dort berichtet wird. Denn der größte Pflegedienst Deutschlands sind die Familien. Der Großteil aller Pflegebedürftigen wird im Rahmen der häuslichen Pflege versorgt. Aber auch dort kommt es leider immer wieder zu körperlichen oder psychischen Übergriffen.
Denn auch hier, in den „eigenen vier Wänden“, finden all die Dinge, von denen in Reportagen, Artikeln und Berichten erzählt wird, ebenso statt. Nur wird dieses von außen kaum wahrgenommen.

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Ganz eindeutig zählen Schläge, Tritte und sonstiges eindeutig zu Gewalt in der Pflege und haben dort absolut nichts verloren. Auch eine gewaltsame Reaktion auf eine Gewalthandlung des Pflegeempfängers darf niemals legitimiert werden. Selbstbeherrschung und der Umgang mit solche brenzligen Situation müssen jedoch gerade im Berufsbild der Krankenpflege erlernt werden.

Studien zu Gewalt in der Pflege

Durch die hohe Dunkelziffer und das jahrelange Wegsehen bei dieser brisanten Thematik, ist die Studienlage bei der Gewalt in der Pflege noch relativ dünn. Eine interessante Übersicht zum Thema hat das DIP (deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung) veröffentlicht. Dabei wurden Pflegefachpersonen und Auszubildende zu verschiedenen Gewaltbereichen befragt.
Das ZQP (Zentrum für Qualität in der Pflege) hat ebenfalls ein aktuelle Studie veröffentlicht, die die Laien-Pflegebeziehung näher untersucht hat. Also mögliche Konflikte zwischen dem Pflegeempfänger und der Privatperson, zum Beispiel den Kindern.

Die Links zu den beiden Studien findet ihr hier:

Gewalt in der Pflege gegen Personal

Als Pflegekraft hat man eh schon kein leichtes Arbeitsleben. Für viele ist es ohnehin unerträglich und sie wählen den „Pflexit„. Andere haben nach der Gewalt an der eigenen Person dann endgültig die „Schnauze voll.“
Doch woher kommen diese Gewaltausbrüche? Ist es eine Schutzreaktion aus Angst oder die Unfähigkeit einzusehen, dass man nun an externe Hilfe angewiesen ist.
Wir haben mit betroffenen Pflegekräften gesprochen und gefragt was sie glauben, warum es zu Gewaltausbrüchen bei der Pflege kommt?

Amelie S.: Geschlagen wurde ich zum Glück nur während der Ausbildung. Am Anfang wollte ich immer das komplette Programm durchziehen, auch wenn mein Patient davon nicht begeistert war. Gerade bei dementen oder uneinsichtigen Patienten habe ich dann die Rechnung tragen müssen. Zweimal wurden sie sogar handgreiflich und ich hatte dann blaue Flecken an den Unterarmen. […] Im Nachhinein betrachtet hätte ich wohl eher von meiner Pflegeplanung abweichen müssen, und so die Eskalation vermieden. Aber als Schüler will man einfach keine Fehler machen oder als faul gelten. Dann lieber mit aller Gewalt das eigene Programm durchziehen…

Stephan P.: Ich habe viele Jahre in der Akut-Psychiatrie gearbeitet. Um eines gleich vorneweg zu sagen: Gewalt ist nicht normal in der Psychiatrie. Aber gerade in diesen Einrichtungen ist die Gefahr eines Gewaltausbruches natürlich deutlich größer als zum Beispiel bei einem ambulanten Pflegedienst. […] Was die Auslöser für die Gewalt war? Da gibt es glaub sehr viele unterschiedlicher Auslöser. Einerseits die Grunderkrankungen. Pathologische Angstzustände oder Erregungszustände können natürlich zu Gewalt führen, wenn der Patient keinen anderen Ausweg aus der Situation mehr erkennen kann. Aber auch fehlende Substanzen, also Drogen, haben natürlich ein erhöhtes Gewaltpotential zur Folge.

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Bärbel P.: Ich bin mal ganz ehrlich. Ich denke wer als alter Mensch im Krankenhaus oder Altenheim um sich schlägt, der hat das auch schon in jungen Jahren gemacht. Du glaubst gar nicht, was mir schon alles passiert ist. Beleidigungen und Beschimpfungen sind da noch harmlos. Gerade bei Männern, die sich nichts von einer Frau sagen lassen wollen, fliegen schnell mal die Fäuste.

Was haltet ihr von den Aussagen? Könnt ihr diese unterstützen oder habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Gerne könnt ihr uns diese mitteilen und wenn ihr wollt veröffentlichen wir diese dann auch. Wir sind gespannt auf euer Feedback.

Gewalt in der Pflege bei Demenz

Wer Gewalt anwendet kann dadurch auch strafrechtlich Verfolgt werden. Diese Möglichkeit der Sanktion fällt bei einer bekannten und bestehenden Demenz weg, da die gewalttätige Person die Handlung nicht bewusst durchgeführt hat.
Wer jedoch eine gewaltsame Handlung an einer Person mit Demenz ausübt, der muss damit rechnen, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn gerade bei dieser vulnerablen (verletzlichen) Personengruppe ist eine Gewaltanwendung das absolute No-Go.
Sich in die Situation eines demenzkranken Menschen zu versetzen ist ganz schwierig. Dennoch möchte ich euch bitten, dies kurz zu versuchen. Stellt euch vor ihr könnt keinen eigenen Willen mehr bilden und formulieren. Doch in eurem „früheren“ Leben seid ihr Werten und Normen gefolgt und habt diese auch gelebt. Nun liegt ihr in einem Altenheim und seid zum Beispiel durch die Wegnahme eurer Freiheit in einen Stuhl gesperrt. Die Pflegekraft ignoriert eure Bitte nach der Öffnung des Stuhls, weil sie Angst habt, dass ihr weglaufen könntet oder stürzt. Es kommt zur Gewaltanwendung. Doch wo liegen die Gründe? Eure Meinung wo die Gründe liegen könnten interessieren uns brennend. Lasst uns einfach einen Kommentar da oder schreibt uns eine Mail.

Sonderform: verbale Gewalt in der Pflege

Hier betreten wir mit euch eine Grauzone. Klar kann man unter Freunden mal eine lapidare Bemerkung “ablassen”, die im schlimmsten Fall euren Gegenüber ein wenig verletzt. Aber wie sieht es aus, wenn eine witzig gemeinte Äußerung über oder direkt an einen Pflegebedürftigen, diesen verletzt?

Dort kommt es sicherlich auf das nötige Fingerspitzengefühl an. Ich als Pflegekraft muss die Situation und den Pflegeempfänger einschätzen können. Auch gegebenenfalls anwesende Angehörige können eine unsachliche Formulierung schon als Beleidigung oder ähnliches ansehen.

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Floskeln wie: “Jetzt stellen Sie sich nicht so an, Stehen muss drin sein” oder “Sie hängen drin wie ein Schluck Wasser in der Kurve” können durchaus bei manchen Menschen verletzend wirken.
Kraftausdrücke und Beschimpfungen haben jedoch ganz klar bei der pflegerischen Kommunikation keinen Platz. Sie sind immer potentiell als eine Gewalttat in der Pflege anzusehen. Auch in der häuslichen, familiären Pflege sollte vom Gebrauch solcher Ausdrücke abgesehen werden, egal ob eine Demenz vorliegt oder nicht. Wir wissen nie, was solche Wörter für einen Schaden bei unserem Gegenüber anrichten.

Maßnahmen gegen Gewalt in der Pflege

Die Lösungsansätze um gegen die Gewalt in der Pflege agieren zu können, sind sehr vielfältig. Am gängigsten sind die Schulungen für Pflegekräfte um in solchen Ausnahmesituationen nicht mit Gewalt reagieren zu müssen.

Um Überforderung und Überlastung in allen Formen der Pflege zu verhindern, müssen, egal ob Laienpflegekraft oder examinierte Pflegekraft, versuchen, ihre Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Sie müssen offen darüber sprechen, was sie konkret leisten können und was nicht, damit diese Grenzen beachtet werden. Auch eine deutliche Forderung gegenüber dem Arbeitgeber nach Schulungen zur Vermeidung von Gewalt in der Pflege müssen gestellt werden. Auch pflegende Angehörige sollten solche Schulungen erhalten. Dabei kann das Schulungsangebot sehr breit gefächert sein. Kurse zur Stressbewältigung, Pflegekurse mit nützlichen Handgriffen und eine gute Wissensvermittlung, welche Unterstützungsangebote es für pflegende Angehörige es gibt, sind flächendeckend oder online anzubieten.

Was tun bei Gewalt in der Pflege?

Meldestelle für Gewalt in der Pflege

Stück für Stück wird das Thema Gewalt aus der Tabuzone geholt. Ganz deutlich könnt ihr das sehen an der stetig steigenden Anzahl von Anlaufstellen für Betroffene oder Zeugen von Gewalt in der Pflege. In der nachfolgenden Auflistung haben wir für euch die wichtigsten regionalen und deutschlandweiten Meldestellen für Gewalt in der Pflege aufgelistet:

Baden-Württemberg

Krisentelefon „GEWALTig überfordert“- Wenn Pflege an Grenzen stößt
Landratsamt Böblingen – Kreisseniorenrat
Parkstraße 16 – 71034 Böblingen
Telefon: (07031) 663-3000
Mail: info@krisentelefon-bb.de
http://www.krisentelefon-bb.de

Beschwerde- u. Beratungsstelle für Probleme der Altenpflege in Stuttgart
StadtSeniorenRat Stuttgart e.V.
Christophstr.11 – 70178 Stuttgart
Telefon: (0711) 61 59 92 3
Mail: stadtseniorenrat-stuttgart@t-online.de
http://www.stadtseniorenrat-stuttgart.de


Bayern

Städtische Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege der Landeshauptstadt München
Burgstr. 4 – 80331 München
Telefon: (089) 233 96 9 66
Mail: staedtische_beschwerdestelle.altenpflege@muenchen.de
http://www.muenchen.de/beschwerdestelle-altenpflege

Krisendienst Mittelfranken
 – Hilfe für Menschen in Notlagen
Hessestr. 10
 – 90443 Nürnberg
Telefon: 0911 / 42 48 55-0
Mail: info@krisendienst-mittelfranken.de

Hilfe für Menschen in seelischen Notlagen


Berlin

Pflege in Not – Ein Angebot der Diakonie für Beratung und Beschwerden
Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V.
Bergmannstraße 44 – 10961 Berlin
Telefon: (030) 69 59 89 89
Mail: pflege-in-not@diakonie-stadtmitte.de
http://www.pflege-in-not.de

Berliner Seniorentelefon – Partner des humanistischen Vorsorgenetzes
Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg e.V.
Wallstrasse 61-65 – 10179 Berlin
Telefon: (030) 2796444
http://www.berliner-seniorentelefon.de

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Der Berliner Krisendienst
Hilfe bei Krisen und akuten psychiatrischen Notsituationen. Kostenlos. 24 Stunden am Tag. Auf Wunsch anonym. Telefonisch, persönlich und in zugespitzten Situationen auch vor Ort.
https://www.berliner-krisendienst.de/


Brandenburg

Pflege in Not Brandenburg
Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen
Gutenbergstraße 96 – 14467 Potsdam
Telefon: 0800 – 265 55 66
Mail: pin@dwpotsdam.de
http://pflege-in-not-brandenburg.jimdo.com


Bremen

Help-Line für pflegende Angehörige und ältere Menschen
DIKS Demenz Informations- und Koordinierungsstelle Bremen
Telefon: (0421) 79 484 98
Mail: helpline@sozialag.de
http://www.helpline-bremen.de/


Hamburg

Beschwerdetelefon Pflege
Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz
Besenbinderhof 41 – 20097 Hamburg
Telefon: 040 – 28 05 38 22 oder 040 – 428 54 31 91
Mail: beschwerdetelefon-pflege@hamburg-mitte.hamburg.de
Internetseite des Beschwerdetelefon Pflege


Hessen

HsM – Frankfurter Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. (Peter Basel)
Geibelstraße 34 – 60385 Frankfurt a.M.
Telefon: (069) 20 28 25 30
Mail: hsm-frankfurt@t-online.de
http://www.hsm-frankfurt.de


Niedersachsen

Pflege-Notruftelefon Niedersachsen – unabhängige Stelle
Meike Janßen M.A. (Sozialpsychologin und Juristin)
Tel.: 0180/2000 872 (pro Anruf 6 Cent)
http://www.sovd-nds.de/pflegenotruf.0.html


Nordrhein-Westfalen

Handeln statt Misshandeln (HsM) (auch auf Facebook)
Siegener Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.
St.-Johan-Str. 7 – 57074 Siegen
Telefon: (0271) 6 60 97 87
Mail: hsm-siegen@arcor.de
http://www.hsm-siegen.de

Notruftelefon für Fälle von Gewalt in der Pflege der Stadt Essen
Amt für Soziales und Wohnen
Telefon 0201 / 88-50088
Montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr
https://www.essen.de/leben/hilfe/StartHilfe.de.html

„Not-Telefon“ im Pflegealltag des Kreises Paderborn
Telefon: 05251 308 – 900
Mail: hilfenetz@kreis-paderborn.de
https://www.kreis-paderborn.de/kreis_paderborn/buergerservice/pflegeportal/Hilfen-und-Angebote/beratung/Hilfenetz.php


Rheinland-Pfalz

Informations- und Beschwerdetelefon Pflege und Wohnen in Einrichtungen in Rheinland-Pfalz
Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz e.V.
Telefon: (06131) 28 48 41
Mail: pflege@vz-rip.de
Beratung nur schriftlich oder telefonisch


Sachsen

Pflegekonfliktberatung
INTEGRA 2000 e.V. / Pflegebegleiterstützpunkt Chemnitz
Helmholtzstr. 9
09131 Chemnitz
Tel 0371 450 4981
Finanzierung durch Spenden
Mail: info@assistance-sachsen.de
Web: www.pflegekonflikt-sachsen.de


Sachsen-Anhalt

Beratungsstelle für Probleme in der Altenpflege
Zentrales Informationsbüro Pflege |Sozial- und Wohnungsamt – Zimmer 305
Wilhelm-Höpfner-Ring 4, 39116 Magdeburg
Telefon: (0391) 540 24 30
Mail: martin.lehwald@soz.magdeburg.de
http://magdeburg.de/Bürger/Soziales_Gesundheit/Pflegewegweiser/


Schleswig-Holstein

PflegeNotTelefon | Schleswig-Holstein – ein Beratungs-, Krisen- und Beschwerdetelefon
Sibeliusweg 4 – 24109 Kiel-Mettenhof
Telefon: (018 02) 49 48 47
post@pflege-not-telefon.de
http://www.pflege-not-telefon.de/


Neben den regionalen Angeboten besteht in Deutschland auch ein Netz der Bundesarbeitsgemeinschaft der Krisentelefone. Dort können auch noch weitere Meldestellen eingesehen werden, die deutschlandweit koordiniert sind.

Gewalt in der Pflege – Was kann ich tun?

Maßnahmen gegen Gewalt in der Pflege

Jetzt habt ihr einiges über die Gewalt in der Pflege erfahren. Aber was kann ich persönlich tun, dass die Vorkommnisse von Gewalt in der Pflege weniger werden. Dafür haben wir für euch eine 5-Punkte-Plan aufgestellt, den jedermann umsetzen kann und sollte:

  1. Augen auf! Wenn ihr Gewalt mitbekommt, dann schaut nicht weg. Sucht das Gespräch mit den Kollegen oder Familienmitgliedern.
  2. Handelt so, dass euer Handeln ein gültiges Gesetz werden könnte! Schon Immanuel Kant hat bei der Entwicklung seiner Ethik, diese Aussage getroffen.
  3. Nehmt die Hilfe an, die euch angeboten wird! Und wenn sie nicht angeboten wird, dann sucht danach. Am Ende werden wir euch noch eine Liste zusammenstellen, wo ihr Hilfe bekommt.
  4. Hört in euch hinein und bekämpft den Stress! Ich weiß, die Zeit ist immer knapp, aber diese Investition wird sich auszahlen.
  5. Schafft eine Atmosphäre des Vertrauens! Jeder stößt an seine Grenzen. Diese anzusprechen ist keine Beinbruch.

Eure Erfahrungsberichte über die Gewalt in der Pflege

Ich selber möchte euch nun am Ende noch einmal ermutigen über die Gewalt im Pflegealltag zu sprechen. Der Austausch ,wenn du Gewaltanwendungen beobachtet hast oder sie selbst erlitten hast, ist sehr wichtig. Bei uns bekommst du diese Möglichkeit. Bei Fragen oder Erfahrungen zum Thema “Gewalt in der Pflege” könnt ihr uns gerne eine E-Mail schreiben oder uns bei Facebook kontaktieren und wir beantworten euch eure Fragen und haben ein offenes Ohr.

 

Oliver Weymannhttps://carewelt.de/
B.A. Pflegepädagogik Abschluss 2021; Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger

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