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Psychische Belastungen durch Covid-19

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Psychische Belastungen durch Covid-19

Gerade in den letzten Wochen und Monaten haben Ärzte und Pflegende in der Versorgung von Patienten mit Covid-19 einen herausragenden Beitrag geleistet. Doch auch sie sind dabei an ihre psychischen Belastungsgrenzen gekommen. Erste Ergebnisse von Befragungen aus den von der Pandemie zuerst betroffenen Gebieten in China zeigen, dass es einen Anstieg von psychischen Belastungen speziell bei Pflegenden gibt, welche sich in Form von Schlafstörungen sowie Symptomen von Depressionen und Angsterkrankungen äußern1.

Psychische Belastung durch Corona – Gesundheitssektor

Auch das medizinische Personal in Deutschland ist in der Behandlung von Patienten mit Covid-19 immensen psychischen Belastungen ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, dass die Verantwortlichen von Gesundheitseinrichtungen in der gegenwärtigen Krise auf einen höchstmöglichen Schutz ihrer Angestellten setzen. Das Bundesministerium für Gesundheit2 und die konzertierte Aktion Pflege3 haben bereits vielfältige Maßnahmen zum institutionellen Schutz von Pflegenden vorgestellt:

  • Die Arbeit mit angemessener Infektionsschützender Ausstattung (z.B. Mundschutz, Handschuhe, Arbeitskleidung, Desinfektionsmittel) ist sicherzustellen.
  • Es ist auf kontrollierte Arbeits – und Ruhezeiten zu achten, Überstunden sind zu vermeiden
  • Sinnvoll sind weitere unterstützende Angebote für die eigene Lebensführung wie z.B. Unterstützungsangebote im Bereich Arbeitsweg, Lebensmittelversorgung usw.)
  • Wenn möglich sollte eine kontinuierliche betriebliche Ärztliche Versorgung mit regelmäßigen Kontakten gegeben sein
  • Vor Ort sollte eine kontinuierliche betriebliche Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken eingerichtet werden
  • Massagen und Physiotherapeutische Maßnahmen vor Ort
  • Das Angebot von super Visionen, Gespräche zur individuellen Lage und Begleitung in Glaubensfragen vor Ort
  • Von Vorteil sind auch Ruhezonen und Ruheräume ggf. Auch Übernachtungsmöglichkeiten in den Kliniken, falls Pflegepersonal oder Ärzte ihre Angehörigen vor Infektionen schützen wollen
  • Besprechungs- und Reflektionsräume sind entsprechend einzurichten
  • Die Zusammenstellung eines psychologischen Teams, welche Strategien zur psychologischen Unterstützung der Mitarbeiter entwickelt und allgemeine und gezielte Hilfsangebote, wie z.B. Webinar zur Stressbewältigung, persönliche Beratung und Krisenintervention, zu Verfügung stellt4.

Was kann ich selbst tun?

Die eben vorgestellten Angebote gibt es bereits in einigen Gesundheitseinrichtungen. Aufgrund der aktuellen Situation ist es von besonderer Bedeutung, Schutzmaßnahmen schnellstmöglich in allen Einrichtungen anzuregen. Gleichzeitig muss eine nachhaltige finanzielle Absicherung bedacht werden. Das physische wie psychische Wohlbefinden der Pflegenden kann durch solche strukturellen Angebote gefördert werden. Nichts desto trotz sollten Pflegende auch neben den strukturellen Maßnahmen ihr eigenes Verhalten im Blick behalten. Außerdem muss beachtet werden, dass die aktuelle Lage eine berufliche wie private Ausnahmesituation darstellt und die Mehrheit der Betroffenen über keine persönlichen Erfahrungswerte verfügt. Somit ist es schwierig individuelle Bewältigungsstrategien zu finden.

Die Weltgesundheitsorganisation4 (WHO) hat im Rahmen einer „psychologischen Ersten Hilfe“ verschiedene Aspekte und Strategien entwickelt, die kurzfristig bei der Bewältigung der aktuellen Anforderungen hilfreich sein können. Zunächst ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass das starke Stressleben der aktuellen Situation geschuldet ist. Daraus sind keinerlei Rückschlüsse über die persönliche berufliche Eignung zu ziehen. Man sollte auf die eigene psychische Gesundheit genauso sehr achten wie auf die körperliche Gesundheit. Das Nutzen funktionaler Bewältigungsstrategien wie z.B. Ausreichende Ruhepausen und Erholungszeiten während der Arbeit und zwischen Arbeitseinsätzen, eine ausgewogene Ernährung sowie körperliche Aktivität. Dysfunktionale Bewältigungsstrategien, dazu zählen Rauchen, Alkohol– oder Drogenkonsum, sind gesundheitsschädlich und somit zu vermeiden. Regelmäßiger Kontakt zu Familien Angehörigen und Freunden wirkt sich positiv aus. Hierzu bietet sich die Kommunikation über die sozialen Medien an, falls das Risiko oder die Angst vor einer Ansteckung im sozialen Umfeld zu groß ist. Ein Austausch über Eindrücke und Erfahrungen bietet sich natürlich auch im beruflichen Umfeld an.

Resilienz stärken für psychische Belastungen durch Corona

Nachrichten über die Coronavirus-Krise sollten mit Augenmaß konsumiert werden4. Falschmeldungen oder Verschwörungstheorien führen bei vielen Menschen zu erhöhter Angst und Panik. Es ist vollkommen ausreichend, Informationen über aktuelle Veränderung der Situation maximal zweimal täglich zu festgelegten Tageszeiten, in festgelegter Dauer zu verfolgen. Wichtig ist dabei auf die Neutralität sowie Seriosität der Quellen bzw. Medien zu achten. Pflegende sollten sich ausschließlich an Fakten orientieren.

Für Menschen, die aktuell von der Arbeit freigestellt sind und sich in häuslicher Quarantäne befinden, empfiehlt es sich, die gewohnte Tagesstruktur einzuhalten. Damit sind z.B. die Wach– und Schlafzeiten gemeint. Neben diesen schnell umsetzbaren Notfallstrategien lassen sich aus der Literatur auch weitere, eher langfristige Bewältigungsstrategien ableiten. In diesem Zusammenhang liegt der Fokus auf der Stärkung der Resilienz, der Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit während oder nach widrigen Ereignissen5. In der wissenschaftlichen Literatur werden eine Vielzahl von Schutzfaktoren beschrieben6. In der nachfolgenden Tabelle ist eine zusammenfassende Aufstellung dieser so genannten Resilienzfaktoren mit Anregungen zur praktischen Umsetzung7.

Übersicht der Resilienzfaktoren

Proaktive Bewältigung, z.B. mittels Strategien zur Problemlösung – Beispiel: Strukturiertes Vorgehen: Analyse des Problems, Sammeln von Lösungsstrategien, Erstellen eines Handlungsplans

Fähigkeit, durch flexibles Denken und Handeln auf Veränderungen zu reagieren –

Beispiele:

  • Suche nach neutralen oder positiven Neubewertungen für eine aktuell schwierige oder zweideutige Situation.
  • Entspannung, z.B. durch Atemübungen
  • Achtsamkeitsübungen, z.B. achtsames Gehen

Positive Ursachenzuschreibung von Ereignissen, positive Zukunftserwartung. – Beispiel: Lenkung der Achtsamkeit auf positive Aspekte im Leben, z.B. Führen eines Tagebuchs, in das jeden Tag drei positive Dinge eingetragen werden.

Haltung, aktiv mitzuwirken und Situationen als kontrollierbar und Anforderungen als Herausforderung anzunehmen – Beispiel: Vorausnehmende Vorstellung von Stresssituationen und Sammeln von zielführenden Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten.

Erleben positiver Gefühle – Beispiele:

  • Achtsamkeitsübungen, z.B. Tagebuch positiver Ereignisse im Alltag
  • Schaffen von Genussmomenten, z.B. verzehr gutschmeckender Speisen, Musik hören usw.

Individuelle Überzeugung, dass das Leben trotz Unwägbarkeiten, Risiken und Belastungen verstehbar, bewältigbar und sinnhaft ist. – Beispiele:

  • Betrachtung der zur Verfügung stehenden (inneren und äußeren) Ressourcen, z.B. persönliche Stärken, Zugang zu materiellen und nichtmateriellen Ressourcen
  • Betrachtung, wie diese Ressourcen in der Zukunft häufiger genutzt werden können.

Positive Bewertung der eigenen Person – Beispiel: Erstellen einer Liste mit den persönlichen Stärken

Das Leben als sinnhaft erleben, z.B. durch Orientierung an den eigenen Werten – Beispiel: Betrachtung persönlich bedeutsamer Quellen für Sinn im Leben. Betrachtung und Priorisierung wichtiger persönlicher Werte

Zugriff auf soziale Netzwerke – Beispiele:

  • Ermittlung positiver sozialer Kontakte im persönlichen Umfeld
  • Ausbau positiver sozialer Kontakte
  • Aktivierung des sozialen Umfelds, z.B. durch aktive Bitte um Unterstützung

Erwartung, Anforderungen aufgrund eigener Fähigkeiten bewältigen zu können – Beispiele:

  • Erstellen: einer Liste mit bisher im Leben erreichten Erfolgen, einer Liste mit im Leben bereits erfolgreich bewältigten schwierigen Situationen
  • Übernahme von Verantwortung für benachteiligte oder ältere Menschen

Glauben an oder Identifikation mit religiösen Werten – Beispiele:

  • Spirituelle Übungen: Yoga, Meditation
  • Positives religiöses Bewältigungsverhalten, z.B. regelmäßiges Beten etc.

Auch für Pflegende ist es sinnvoll zu reflektieren, welche dieser Übungen für sie selbst praktizierbar und gesundheitsfördernd sind. Einige Übungen müssen erst häufiger angewendet werden, damit sich Wirkungen zeigen. Um ein positives Ergebnis bei der Umsetzung zu erzielen, ist eine zuverlässige Unterstützung durch das Führungspersonal ebenfalls Voraussetzung. Nur so können die Pflegenden einige dieser Übungen auch tatsächlich arbeitsplatznah erlernen und ausführen.

Achtsamkeit gegen psychische Belastung durch Corona

Auch das Thema Achtsamkeit spielt in der aktuellen Situation eine besondere Rolle. Sie wird als Lenkung der Aufmerksamkeit auf die im gegenwärtigen Moment vorhandenen Wahrnehmungen-bewusst, absichtsvoll und nicht wertend – verstanden8. Speziell in Belastungssituationen beschäftigt man sich häufig mit der Vergangenheit oder Zukunft (sorgenvolles Grübeln). Im Idealfall gelingt es, diese Art der Beschäftigung für eine begrenzte Zeit zugunsten der Wahrnehmung der aktuellen Situation zurückzustellen. Um seine Achtsamkeit zu fördern, bedarf es einem gewissen zeitlichen Aufwand.

Studien bei Pflegenden belegen die nachhaltige Wirksamkeit von Achtsamkeit bei Stressbelastung9. Da in der aktuellen Lage Gruppen-Programme aus zeitlichen Gründen nicht in Anspruch genommen werden können oder nicht verfügbar sind, sollten Einzelübungen durchgeführt werden. Diese mögen auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen, erzielen aber eine hohe Wirksamkeit. Ein Beispiel ist „Achtsames Gehen“. Während des Gehens ist die eigene Aufmerksamkeit auf den Akt des Gehens zu lenken – selbst wenn es „nur“ die hektischen Schritte von der Station zum Patientenzimmer sind. Auch dem kollegialen Miteinander sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. In Zeiten hoher Anspannung kommt es häufig dazu, dass die Nerven „blank liegen“ und automatisierte Reaktionen schneller ausgelöst werden. Das kann sowohl im privaten wie auch im beruflichen Kontext zu nichthilfreichen Auseinandersetzungen führen. Achtsamkeit kann in diesen Situationen dazu beitragen, die emotionalen Reaktionen wahrzunehmen und nicht automatisiert zu reagieren.

Literatur:

1 Lai J, Ma S, Wang Y et al. Factors Associated With Mental Health Outcomes Among Health Care Workers Exposed to Coronavirus Disease 2019. JAMA Netw Open. 02 2020; 3(3): e203976

2 Bundesministerium für Gesundheit. Förderung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens am Arbeitsplatz. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/betriebliche-gesundheitsfoerderung/gesundheit-und-wohlbefinden-am-arbeitsplatz.html, Zugriff: 14.05.2020

3 Konzertierte Aktion Pflege. Abschlussbericht 2019. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/K/Konzertierte_Aktion_Pflege/0619_KAP_Vereinbarungstexte_AG_1-5.pdf, Zugriff: 14.05.2020

4 World Health Organisation. Mental Health and psychosocial Considerations during the COVID-19 Outbreak. https://apps.who.int/iris/handle/10665/331490, Zugriff: 14.05.2020

 5 Bonanno GA, Westphal M, Mancini AD. Resilience to loss and potential trauma. Annu Rev Clin Psychol.2011; 7: 511-535

6 Bengel J, Lyssenko L. Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter [Resilience and protective psychological factors in adults]. 3.2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Herausgeber. Köln;2012

7 Gilan DA, Kunzler A, Lieb K. Gesundheitsförderung und Resilienz. PSYCH Up2date. März 2018; 12 (02): 155-169

8 Michalak J, Heidenreich T, Williams J. Achtsamkeit. Göttingen: Hogrefe; 2012

9 Spinelli C, Wisener M, Khoury B. Mindfulness training for healthcare professionals and trainees: A meta-analysis of randomized controlled trials. J Psychosom Res. 2019; 120: 29-38

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